Die Heilpraktikerprüfung gilt als anspruchsvoll, ist mit einer fundierten Ausbildung und gezielten Vorbereitung aber gut zu bewältigen. In diesem Experteninterview erklärt Heilpraktikerin und Schulleiterin Isolde Richter, welche Anforderungen in der schriftlichen und mündlich-praktischen Überprüfung gestellt werden, wie hohe Durchfallquoten einzuordnen sind und warum medizinisches Wissen, strukturiertes Denken und regelmäßiges Prüfungstraining entscheidend sind. Außerdem erfährst du, woran angehende Heilpraktiker ihre Prüfungsreife erkennen können, welche Rolle Alter und medizinische Vorkenntnisse spielen und wie man nach einer nicht bestandenen Prüfung sinnvoll weiter vorgeht.
Die Heilpraktikerprüfung ist für viele angehende Heilpraktiker eine der größten Herausforderungen auf dem Weg in die eigene Praxistätigkeit. Hohe Durchfallquoten und Berichte über anspruchsvolle schriftliche und mündliche Prüfungen können bereits vor Beginn der Ausbildung für Unsicherheit sorgen. Doch wie schwer ist die Heilpraktikerprüfung tatsächlich – und was entscheidet darüber, ob ein Prüfling besteht?
Die Überprüfung verlangt weit mehr als das reine Auswendiglernen medizinischer Fakten. Angehende Heilpraktiker müssen medizinische Zusammenhänge verstehen, Notfälle und Gefahrenzeichen erkennen, rechtliche Grenzen kennen und ihr Wissen auf konkrete Situationen anwenden können. Gleichzeitig stellt sich für viele die Frage, wie sie ihren eigenen Wissensstand realistisch einschätzen und erkennen können, wann sie tatsächlich prüfungsreif sind.
In diesem Experteninterview gibt Isolde Richter, Heilpraktikerin und Leiterin der Naturheilschule Isolde Richter, Einblicke aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung in der Heilpraktikerausbildung. Sie erklärt, wie die Durchfallquoten einzuordnen sind, warum Prüflinge scheitern, welche Vorbereitung sich bewährt und woran sich erkennen lässt, ob jemand bereit für die Heilpraktikerprüfung ist.
Das Interview richtet sich an angehende Heilpraktiker ebenso wie an Menschen, die noch überlegen, eine Heilpraktikerausbildung zu beginnen. Dabei wird deutlich: Entscheidend sind weniger Alter oder medizinische Vorkenntnisse als eine solide Ausbildung, kontinuierliches Lernen, eine realistische Einschätzung des eigenen Wissens und die Fähigkeit, medizinische Zusammenhänge sicher anzuwenden.
Über die Expertin Isolde Richter
Isolde Richter ist Heilpraktikerin, Autorin und Gründerin der Naturheilschule Isolde Richter in Kenzingen. Seit über 40 Jahren bildet sie Heilpraktiker und Heilpraktiker für Psychotherapie aus und gehört zu den bekanntesten Ausbilderinnen im deutschsprachigen Raum.
Als Autorin mehrerer Standardwerke zur Heilpraktiker-Ausbildung hat sie Generationen von angehenden Therapeuten auf ihrem Weg zur erfolgreichen Praxistätigkeit begleitet. Für ihre Verdienste wurde sie unter anderem mit der Clemens-von-Bönninghausen-Medaille des BDH ausgezeichnet.
Im Heilpraktiker-Ausbildung Ratgeber stellt sie die fachliche Qualität aller Inhalte sicher und sorgt dafür, dass medizinische Themen verständlich, praxisnah und auf dem aktuellen Wissensstand vermittelt werden.

Frau Richter, rund um die Heilpraktikerprüfung hört man immer wieder, sie sei besonders schwierig. Wie schwer ist die Heilpraktikerprüfung Ihrer Erfahrung nach tatsächlich?
Die Heilpraktikerprüfung ist tatsächlich anspruchsvoll. Viele, die sich dafür interessieren, unterschätzten anfangs die Anforderungen.
Die Prüfung besteht aus zwei Teilen: aus einer schriftlichen, bei der 60 Fragen in 120 Minuten beantwortet werden müssen. Damit dieser Teil als bestanden gewertet wird, müssen mindestens 45 Fragen also 75 % richtig beantwortet sein. Wer diesen Teil bestanden hat, wird zum mündlich-praktischen Teil eingeladen.
Ich denke, dass es gut ist, dass die Prüfung ein hohes Niveau hat!
Der Heilpraktiker übt einen verantwortungsvollen Beruf aus. Er muss in der Lage sein, die Krankheit eines Patienten hinsichtlich der Gefährlichkeit sicher einzuschätzen. Er muss wissen: Handelt es sich um einen Notfall? Muss ich den Patienten an den Arzt verweisen, weil Untersuchungen gemacht werden müssen, die ich als Heilpraktiker nicht machen kann, wie beispielsweise ein Röntgenbild oder eine Ultraschalluntersuchung? Benötigt der Patient ein verschreibungspflichtiges Medikament, das der Heilpraktiker nicht verordnen darf – beispielsweise Insulin – und muss deshalb an den Arzt verwiesen werden?
Hinsichtlich dieser Einschätzung der Schwere der Erkrankung und Einleitung der nächsten Schritte werden an den Heilpraktiker die gleichen Anforderungen wie an einen Arzt gestellt. Und das ist auch richtig so. Angenommen, der Patient sucht mit seiner Beschwerde als erstes den Heilpraktiker auf, dann muss er hier in sicheren Händen sein, weil der Heilpraktiker Diagnosen stellen darf.
Das alles lernt man in der Heilpraktikerausbildung – und das soll man bei der Prüfung unter Beweis stellen, dass man diese Qualifikation hat.
Immer wieder ist von hohen Durchfallquoten bei der Heilpraktikerprüfung die Rede. Wie sind solche Zahlen aus Ihrer Sicht einzuordnen – und was sagen sie über die tatsächliche Schwierigkeit der Prüfung aus?
Dabei ist zu bedenken, dass eine Durchfallquote allein nur wenig über die persönliche Erfolgschance eines gut vorbereiteten Prüflings aussagt. Sie hängt auch davon ab, wie gut die jeweiligen Teilnehmer vorbereitet zur Prüfung antreten.
Die Durchfallquoten bei den einzelnen Gesundheitsämtern schwanken zwischen 35 % und 75 %. Dass es eine so große Schwankungsbreite gibt, liegt nicht daran, dass die Prüfungen vom Gesundheitsamt zu Gesundheitsamt so unterschiedlich in ihren Anforderungen wären. Ganz im Gegenteil, fast alle Prüfungsämter halten am gleichen Tag zweimal im Jahr die schriftliche Prüfung ab und verwenden dazu die gleichen Multiple-choice-Fragen.
Bei der mündlichen Prüfung gibt es natürlich Unterschiede, denn jeder Prüfer hat seine ganz eigene Art eine Prüfung durchzuführen. Aber da finden wir nicht nur Unterschiede zwischen den einzelnen Gesundheitsämtern, sondern schon bei den einzelnen prüfenden Amtsärzten in großen Städten, wie z.B. München oder Hamburg.
Die Schwankungsbreite liegt zum Teil daran, dass ganz unterschiedlich viele Teilnehmer bei den Gesundheitsämtern zur Prüfung gehen. Es gibt kleine Gesundheitsämter mit vielleicht 5 Prüflingen und große mit mehreren hundert. Angenommen, es ist ein schlechter Tag und es bestehen von den 5 Prüflingen 3 nicht die Prüfung. Dann haben wir schon eine Durchfallquote von 60 %. Bei großen Gesundheitsämtern sind die Zahlen stabiler, weil nicht plötzlich überwiegend gut oder schlecht ausgebildete Prüflinge zur Prüfung gehen.
Ein weiterer Grund für schwankende Bestehensquoten ist, dass es tatsächlich mal leichtere und mal schwerere Prüfungen gibt. Manchmal gibt es auch Prüfungen, in denen zwei oder sogar missverständlich formulierte Fragen stehen. Das kann manchmal auch zu höheren Durchfallquoten führen, weil ein oder zwei Fragen durchaus über das Bestehen einer Prüfung entscheiden können.
Warum fallen Ihrer Erfahrung nach Menschen durch die Heilpraktikerprüfung? Liegt es meistens an fehlendem Wissen oder gibt es ganz andere Ursachen?
Es liegt tatsächlich meist an fehlendem Wissen. Aber selbstverständlich hat auch ein Prüfer einmal einen „schlechten Tag“ oder auch der Prüfling. Von daher gehört auch ein Quäntchen Glück zum Bestehen der Prüfung.
Aber in erster Linie entscheidet das Wissen. Und das erwirbt man durch eine solide Grundausbildung und ein intensives Prüfungstraining.
Aber man muss sich während der Ausbildungszeit auch ein sicher strukturiertes Denken erarbeitet haben. Gerade in der mündlichen Prüfung ist es entscheidend, einen Notfall sicher zu erkennen, Behandlungsverbote klar benennen zu können, gefährliche Krankheitsverläufe einschätzen zu können und notwendige ärztliche Abklärung zu veranlassen.
Man muss für die mündliche Prüfung ein festes Schema an der Hand haben, um z.B. die typische Prüfungsfrage „Ein Patient kommt und klagt XXX. Was machen Sie?“ sicher beantworten zu können. So muss man z.B. in Gedanken durchgehen: „Handelt es sich um einen Notfall?“ / „Besteht ein Behandlungsverbot?“ / „Müssen vor der Diagnosestellung bestimmte Blutuntersuchungen oder weitere ärztliche apparative Untersuchungen durchgeführt werden?“ Um nur einige Aspekte zu nennen.
Von Prüflingen, die die Prüfung nicht bestanden haben, kursieren manchmal „Schauergeschichten“ über unfaire Prüfungen. Sie haben „alles“ gewusst und nur wegen einer banalen Kleinigkeit, die man nicht gewusst habe, sei man durchgefallen. So etwas gibt es natürlich einmal. Das ist aber nicht die Regel. Meist ist es so, dass doch deutliche Wissenslücken bestanden oder dass es dem Prüfling nicht gelungen ist, selbstsicher aufzutreten und schon so zu signalisieren, dass man gut vorbereitet sei.
Gibt es bestimmte Voraussetzungen oder Eigenschaften, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, die Heilpraktikerprüfung erfolgreich zu bestehen?
Ja, das gibt es. Man muss auf allen prüfungsrelevanten Themen gut vorbereitet sein. Ich erlebe es aber immer wieder, dass Prüflinge sagen: „Ich probiere es einfach einmal – vielleicht habe ich Glück.“ Das funktioniert in der Regel nicht, denn die Prüfung besteht man nicht mit Glück, sondern mit Wissen.
Deshalb empfehle ich, wirklich alle prüfungsrelevanten Themen gründlich und ernsthaft durchzuarbeiten. Dabei sind auch Eigenschaften wie Durchhaltevermögen, regelmäßiges Lernen und die Bereitschaft wichtig, den eigenen Wissensstand immer wieder ehrlich zu überprüfen. Man sollte bereit sein, Wissenslücken zu erkennen und diese gezielt aufzuarbeiten.
Hilfreich ist natürlich auch, wenn man sich für Medizin interessiert und Freude daran hat, Zusammenhänge zu verstehen. Denn dann fällt es viel leichter, kontinuierlich zu lernen und auch über einen längeren Zeitraum motiviert zu bleiben.
Und – ehrlich gesagt – das braucht man nicht nur für die Prüfung, sondern auch für die spätere Praxistätigkeit. Und das sollte man sich meiner Meinung nach immer klar vor Augen halten: „Man lernt nicht für die Prüfung, sondern weil man das Wissen für die spätere Praxistätigkeit benötigt.“
Absolviert man die Ausbildung unter dieser Voraussetzung, dass man sich immer wieder sagt: „Ich lerne das, weil ich später ein guter Heilpraktiker sein möchte“, dann lernt man interessiert und motiviert. Dann braucht man gar nicht groß an die Prüfung zu denken, die besteht man dann fast „nebenbei“, weil man sich das ganze erforderliche Wissen erarbeitet hat.
So lernt man selbstbestimmt und motiviert und hat nicht während der gesamten Ausbildung die „drohende“ Prüfung vor Augen, sondern arbeitet auf eine gutgehende Praxistätigkeit hin. Die kann man dann mit einem guten und sicheren Gefühl führen, weil das erforderliche Wissen auf einer soliden Basis ruht.
Kann auch jemand ohne medizinische Vorkenntnisse die Heilpraktikerprüfung beim ersten Versuch bestehen – oder haben beispielsweise Pflegekräfte und andere medizinische Berufsgruppen einen deutlichen Vorteil?
Selbstverständlich können „Quereinsteiger“ auf Anhieb die Prüfung bestehen, wenn sie sich sorgfältig vorbereitet haben. Man muss keinesfalls aus einem medizinischen Beruf kommen. Eine medizinische Vorbildung ist keine Voraussetzung für die Heilpraktiker-Ausbildung oder für das Bestehen der Prüfung. Die meisten unserer Schüler haben keine medizinischen Vorkenntnisse und absolvieren die Ausbildung erfolgreich.
Selbstverständlich ist es von Vorteil, wenn man Vorwissen mitbringt. Wer beispielsweise bereits in einem medizinischen Beruf arbeitet, kennt bestimmte Fachbegriffe, Krankheitsbilder oder medizinische Zusammenhänge schon. Aber auch medizinisches Vorwissen ersetzt nicht die gezielte Vorbereitung auf die Heilpraktikerprüfung, denn hier gibt es ganz bestimmte Anforderungen, auf die man sich vorbereiten muss.
Ein gutes Ausbildungsinstitut passt sich deshalb den Vorkenntnissen seiner Schüler an. Quereinsteiger lernen alles gründlich von der Pike auf. Anfangs brauchen sie eine gute Neueinsteiger-Betreuung, damit sie sicher in den Lehrgang hineinfinden.
Haben Teilnehmer bereits Vorkenntnisse, sollte es Möglichkeiten geben zu überprüfen, ob diese für den jeweiligen Lernabschnitt ausreichen. So können sie sich ersparen, Lerninhalte nochmals ausführlich durcharbeiten zu müssen, die sie bereits sicher beherrschen.
Am Ende sind sowohl Teilnehmer mit als auch Teilnehmer ohne medizinische Vorkenntnisse gut ausgebildet und gehen gut vorbereitet zur Prüfung – und haben so beste Chancen zu bestehen.
Haben Menschen, die erst mit 40, 50 oder später mit der Heilpraktikerausbildung beginnen, schlechtere Chancen bei der Prüfung?
Viele Menschen beginnen erst im mittleren Lebensalter mit der Ausbildung. Die meisten unserer Teilnehmer sind zwischen 40 und 50 Jahren alt. Selbstverständlich gibt es aber auch jüngere und ältere Teilnehmer.
Oft wird befürchtet, ältere Menschen könnten sich den Lernstoff nicht mehr so gut einprägen. Das kann ich aus meiner Erfahrung nicht bestätigen. Viel entscheidender ist, ob jemand gewohnt ist zu lernen und bereit ist, sich regelmäßig mit dem Lernstoff zu beschäftigen. Wer sich genügend Zeit einräumt und kontinuierlich lernt, kann sich auch im fortgeschrittenen Alter sehr gut auf die Heilpraktikerprüfung vorbereiten.
Und es kommt noch ein weiterer Vorteil dazu: Je älter man wird, desto mehr Wissen und Lebenserfahrung hat man angesammelt. Neues Wissen kann dann oft mit bereits Bekanntem verknüpft werden. Dieses vernetzte Denken hilft dabei, Zusammenhänge besser zu verstehen und sich Inhalte leichter einzuprägen.
Ein weiterer großer Vorteil eines fortgeschritteneren Lebensalters ist, dass häufig eine besonders starke Motivation besteht. Viele wissen sehr genau, warum sie Heilpraktiker werden möchten, und verfolgen dieses Ziel entsprechend konsequent.
Entscheidend ist deshalb nicht das Alter, sondern ob man bereit ist, sich die notwendige Zeit zum Lernen zu nehmen und regelmäßig am Ball zu bleiben.
Gibt es aus Ihrer langjährigen Erfahrung einen Punkt während der Ausbildung, an dem Sie bei einem Schüler erkennen können: Dieser Mensch hat sehr gute Chancen, die Heilpraktikerprüfung zu bestehen?
Ja, das gibt es tatsächlich. Und das sind vor allem diejenigen, die während der Ausbildung nicht „für die Prüfung“, sondern für die spätere Praxistätigkeit gelernt haben. Diese Schüler sind wissbegierig, hoch motiviert und halten auch während der gesamten Ausbildung durch.
Man merkt irgendwann, dass sie nicht mehr nur einzelne Fakten auswendig gelernt haben, sondern medizinische Zusammenhänge verstehen. Sie können sich herleiten, warum bestimmte Symptome auftreten, sie erkennen Gefahrenzeichen und wissen, wann ein Patient dringend ärztlich weiterbehandelt werden muss. Auch bei Fallbeispielen können sie ihr Wissen zunehmend sicher anwenden.
Ein gutes Zeichen ist für mich außerdem, wenn ein Schüler seine eigenen Wissenslücken realistisch einschätzen kann. Wer weiß, was er noch nicht sicher beherrscht, und bereit ist, genau daran weiterzuarbeiten, ist auf einem sehr guten Weg.
Selbstverständlich kommen auch diese Schüler – nachdem sie den gesamten Stoff durchgearbeitet haben – an einen Punkt, an dem die letzte heiße Phase des Prüfungstrainings beginnt. In dieser Phase wird dann ganz gezielt „prüfungsorientiert“ gearbeitet.
Aber das ist eine überschaubare Phase und kann leichter durchgestanden werden, wenn vorher eine solide Basis aufgebaut wurde. Und das Schöne ist: Diese Teilnehmer haben nicht nur sehr gute Chancen, die Prüfung zu bestehen, sondern sie bringen auch beste Voraussetzungen dafür mit, später sicher und erfolgreich in ihrer eigenen Praxis zu arbeiten.
Und umgekehrt: Gibt es Warnsignale, bei denen Sie einem Schüler empfehlen würden, sich noch nicht zur Heilpraktikerprüfung anzumelden?
Ja, das gibt es tatsächlich. Wir empfehlen unseren Schülern, simulierte Prüfungen mit Original-Amtsarztfragen durchzuführen. Dabei nehmen sie sich eine Prüfung vor und haben – wie in der Prüfung vor dem Gesundheitsamt auch – zwei Stunden Zeit, die Fragen zu beantworten. Nachdem sie fertig sind, können sie über die Autokorrektur sofort feststellen, ob sie bestanden haben.
So können sie ihren Wissensstand realistisch einschätzen. Damit man mit einem guten Gefühl zur amtsärztlichen Überprüfung gehen kann, sollte man mindestens drei Prüfungen hintereinander mit über 75 % bestanden haben. Wir empfehlen sogar, um die 80 % anzustreben, damit man für die Prüfung ein gewisses Sicherheitspolster hat.
Wichtig ist, dass man diese Prozentzahl beim erstmaligen Durcharbeiten der Prüfung erzielt. Hat man eine Prüfung früher schon einmal bearbeitet, kann man sie nicht mehr zur realistischen Einschätzung des eigenen Kenntnisstands nutzen.
Aber nicht nur die schriftliche Prüfung ist entscheidend. Auch auf die mündliche Prüfung sollte man gut vorbereitet sein. Ein Warnsignal ist zum Beispiel, wenn man bei Fallbeispielen noch kein festes Schema an der Hand hat, wichtige Gefahrenzeichen übersieht oder unsicher ist, wann ein Patient an einen Arzt verwiesen werden muss. Auch rechtliche Behandlungsverbote und Notfälle müssen sicher erkannt werden.
Ist man noch nicht in der Lage, zurückliegende Prüfungen mit dieser Prozentzahl zu lösen oder Fallbeispiele in der mündlichen Prüfung sicher und strukturiert zu bearbeiten, empfehle ich, noch nicht zur Prüfung zu gehen. Dann ist es sinnvoller, sich zunächst noch fehlendes Grundlagenwissen zu erarbeiten und gezielt die Bereiche zu festigen, in denen Unsicherheiten bestehen. Das kommt einem übrigens auch für die spätere Praxistätigkeit zugute!
Wie kann ein angehender Heilpraktiker selbst realistisch einschätzen, ob er bereits prüfungsreif ist?
Ob ein angehender Heilpraktiker prüfungsreif ist, erfährt er am besten, wenn er die schriftlichen Prüfungsprotokolle der letzten Jahre nutzt, um damit simulierte Prüfungen durchzuführen. Dort sieht er ganz objektiv, wie viel Prozent er richtig beantwortet hätte. Selbstverständlich darf er sich bei solchen Tests nicht selbst etwas vormachen, sonst betrügt er sich letztlich selbst.
Wichtig ist dabei aber nicht nur eine einzelne gut bestandene Prüfung. Wirklich aussagekräftig wird es erst, wenn man mehrere Prüfungen hintereinander sicher besteht. Dann sieht man, dass das Wissen nicht nur zufällig für bestimmte Themen ausgereicht hat, sondern auf einer soliden Basis steht.
Außerdem sollte man darauf achten, ob man in allen wichtigen Themenbereichen ausreichend sicher ist. Es reicht nicht, wenn man beispielsweise in Anatomie und Krankheitslehre sehr gut ist, aber bei Gesetzeskunde, Infektionskrankheiten oder Notfällen noch größere Lücken hat.
Um einzuschätzen, ob man auch die mündliche Prüfung bestehen würde, ist es am besten, mit seinem Lehrer des Prüfungstrainings eine simulierte Prüfung durchzuführen. Denn so schaut noch ein unparteiischer Dritter auf die eigenen Fähigkeiten. Dabei zeigt sich sehr schnell, ob man medizinische Zusammenhänge sicher erkennt, strukturiert vorgeht und sein Wissen auch unter Prüfungsbedingungen abrufen kann.
Hat man sowohl in mehreren schriftlichen Prüfungssimulationen als auch in der mündlichen Prüfung gezeigt, dass das Wissen sicher sitzt, dann kann man mit einem guten Gefühl sagen: Jetzt bin ich prüfungsreif.
Muss man beim ersten Versuch bestehen? Was bedeutet es für die weitere Ausbildung und die beruflichen Chancen, wenn man die Heilpraktikerprüfung zunächst nicht besteht?
Nein, man muss nicht beim ersten Versuch bestehen. Wer die Prüfung nicht besteht, kann sie wiederholen. Wie oft das möglich ist, ist allerdings nicht in allen Bundesländern gleich geregelt.
In Baden-Württemberg und Hessen darf man die Prüfung höchstens dreimal wiederholen. Das heißt, man geht zur ersten Prüfung und hat danach noch drei Wiederholungsmöglichkeiten. Insgesamt kann man also viermal zur Prüfung gehen.
Viel wichtiger finde ich aber: Wenn man eine Prüfung nicht bestanden hat, sollte man nicht einfach möglichst schnell zum nächsten Termin wieder antreten. Man sollte zunächst herausfinden, woran es gelegen hat, vorhandene Wissenslücken gezielt aufarbeiten und erst wieder zur Prüfung gehen, wenn man wirklich prüfungsreif ist.
Ein gutes Ausbildungsinstitut lässt seine Schüler damit nicht allein, sondern betreut sie weiter und hilft ihnen dabei, sich gezielt auf den nächsten Prüfungsversuch vorzubereiten.
Hinsichtlich der späteren beruflichen Tätigkeit wirkt sich eine nicht bestandene Prüfung nicht aus. Entscheidend ist am Ende, dass man die Heilpraktikererlaubnis erhält und über das Wissen verfügt, das man für eine sichere Praxistätigkeit benötigt. Und manchmal kann ein nicht bestandener erster Versuch sogar dazu führen, dass man noch einmal besonders intensiv an seinen Wissenslücken arbeitet und anschließend mit einer noch solideren Grundlage in die Praxistätigkeit startet.
Wie sollten Prüflinge Ihrer Erfahrung nach nach einem nicht bestandenen Versuch vorgehen?
Wenn man die Prüfung nicht bestanden hat, sollte man zunächst ganz in Ruhe analysieren, woran es gelegen hat. Waren es Wissenslücken in bestimmten Themenbereichen? Hat man bei Fallbeispielen nicht strukturiert genug gedacht? Oder konnte man sein Wissen in der Prüfungssituation nicht sicher abrufen?
Danach sollte man nicht einfach nur weitere Prüfungsprotokolle der schriftlichen Prüfungen der letzten Jahre bearbeiten, sondern nochmals ganz gezielt sein Wissen über die einzelnen Prüfungsthemen überprüfen. Dazu braucht es ein umfangreiches Fragenzentrum, mit dem das gesamte relevante Wissen systematisch abgefragt werden kann. So sieht man sehr schnell, in welchen Bereichen noch Wissenslücken bestehen, und kann genau diese gezielt aufarbeiten.
Es ist wichtig, mit System an die Nachbereitung zu gehen und nicht nur die Fragen aus vergangenen Prüfungen nachzulernen, die man nicht gewusst hat. Der Grund ist ganz einfach: Bei jeder Prüfung werden neue Fragen gestellt. Man kann deshalb nicht darauf hoffen, bestimmte Fragen „wiederzuerkennen“. Entscheidend ist vielmehr, über ein solides medizinisches Grundwissen zu verfügen und Zusammenhänge zu verstehen. Dann kann man auch Fragen beantworten, die man so noch nie gesehen hat.
Hat man auf diese Weise seine Wissenslücken erkannt und gezielt aufgearbeitet, sollte man wieder mit simulierten Prüfungen überprüfen, ob der Wissensstand nun ausreicht. Erst wenn diese sicher bestanden werden, würde ich zum nächsten Prüfungsversuch raten.
Beobachten Sie Unterschiede zwischen Prüflingen, die beim ersten Versuch bestehen, und solchen, die mehrere Anläufe benötigen?
Ja, da gibt es durchaus Unterschiede, wobei man natürlich nicht alle Prüflinge über einen Kamm scheren kann.
Manchmal ist es ganz einfach so, dass jemand beim ersten Versuch den Schwierigkeitsgrad der Prüfung unterschätzt hat. Vielleicht wurde nicht regelmäßig genug gelernt oder man hat sich zu früh zur Prüfung angemeldet, obwohl noch Wissenslücken bestanden.
Diejenigen, die beim ersten Versuch bestehen, haben häufig über einen längeren Zeitraum kontinuierlich gelernt und ihren Wissensstand immer wieder ehrlich überprüft. Sie beginnen außerdem rechtzeitig mit dem Prüfungstraining und warten nicht erst bis kurz vor der Prüfung damit. Dadurch wissen sie schon vorher ziemlich genau, wo sie stehen und welche Themen sie noch aufarbeiten müssen.
Zum anderen gibt es Prüflinge, die über ein gutes medizinisches Wissen verfügen, dieses in der Prüfungssituation aber nicht sicher abrufen können. Gerade bei der mündlichen Prüfung können Nervosität oder Prüfungsangst eine große Rolle spielen. Dann reicht es nicht, nur noch mehr medizinisches Wissen anzusammeln, sondern man sollte auch lernen, mit seiner Prüfungsangst umzugehen. Dabei helfen vor allem möglichst realistische Prüfungssimulationen. Je häufiger man erlebt: „Ich kann solche Situationen bewältigen und ich weiß, wie ich vorgehen muss“, desto mehr Sicherheit gewinnt man.
Manchmal braucht ein Prüfling deshalb einfach einen zweiten Anlauf. Entscheidend ist für mich nicht, ob jemand beim ersten oder beim zweiten Mal besteht, sondern dass er am Ende wirklich über das Wissen und die Sicherheit verfügt, die er später für seine Praxistätigkeit braucht. Um negative Glaubenssätze zu bearbeiten, gibt es viele Möglichkeiten, wie z.B. EFT, Bachblüten und Gesprächstherapie – um nur einige zu nennen.
Hat sich die Heilpraktikerprüfung im Laufe Ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit verändert? Ist sie heute schwieriger als früher – oder haben sich vor allem die Anforderungen verändert?
Die Anforderungen haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Als ich damals vor ca. 40 Jahren mit der Ausbildung angefangen habe, gab es überhaupt keine einheitlichen Vorgaben, wie geprüft werden sollte. Da hat jedes Gesundheitsamt so geprüft, wie es das für richtig hielt.
Bei einem Gesundheitsamt wurde vielleicht hauptsächlich Gesetzeskunde geprüft, bei einem anderen wurden sehr anspruchsvolle medizinische Fragen gestellt. Da gab es große Unterschiede und teilweise auch viel Willkür. Außerdem waren die Prüfungen damals nur mündlich.
Heute gibt es glücklicherweise die „Leitlinien zur Überprüfung von Heilpraktikeranwärterinnen und -anwärtern“. Sie traten am 22.03.2018 in Kraft und bilden seitdem die Grundlage für die Überprüfung.
Dadurch ist heute viel klarer festgelegt, was ein Heilpraktiker können und wissen muss. Im Mittelpunkt steht vor allem die Frage: Kann der Prüfling sicher einschätzen, ob von seiner späteren Tätigkeit eine Gefahr für den Patienten ausgehen könnte?
Dazu gehört beispielsweise, dass er gefährliche Erkrankungen und Notfälle erkennt, weiß, wann ein Patient ärztlich weiterbehandelt werden muss, rechtliche Grenzen und Behandlungsverbote kennt und medizinische Zusammenhänge sicher beurteilen kann.
Die Prüfung ist damit heute sicherlich anspruchsvoll, aber aus meiner Sicht auch wesentlich nachvollziehbarer und gerechter geworden. Wer über ein gutes medizinisches Grundwissen verfügt und gelernt hat, dieses Wissen sicher auf konkrete Situationen anzuwenden, hat eine gute Grundlage, die Prüfung zu bestehen.
Das sehe ich als eine außerordentlich positive Entwicklung.
Was sind genau die Prüfungsinhalte, die nach den Leitlinien des Bundes und der Länder zur Überprüfung von Heilpraktikeranwärtern geprüft werden sollen?
Hierzu empfehle ich, sich die originalen Leitlinien durchzulesen.
Wenn Interessenten Sie fragen: „Schaffe ich die Heilpraktikerprüfung überhaupt?“ – was antworten Sie ihnen?
Das hängt davon ab, ob Sie es „wirklich“ möchten, ob Sie bereit sind, für dieses Ziel die notwendige Energie und Zeit aufzubringen – und natürlich auch davon, ob Sie sich für Medizin interessieren.
Beginnt man ohne Vorkenntnisse, sollte man sich die erforderliche Zeit einräumen und Schritt für Schritt vorgehen. Niemand muss am Anfang schon medizinisches Wissen mitbringen. Entscheidend ist, dass man bereit ist, regelmäßig zu lernen und sich das Wissen nach und nach aufzubauen.
Wenn man das so macht, wird man schnell feststellen, dass Medizin ein unglaublich interessantes und faszinierendes Gebiet ist, das einen immer mehr in seinen Bann zieht. Jeder Schritt ist spannend, wenn man sieht, wie die „Wunderwelt Mensch“ funktioniert und wie alles miteinander zusammenhängt.
Dann muss man sich gar nicht mehr zum Lernen „disziplinieren“, sondern das Interesse am Lernstoff zieht einen von selbst an den Schreibtisch. „Lernzeit“ wird dann immer mehr zu einer „Belohnungszeit“, weil man genau das machen kann, was einen interessiert und im Leben weiterbringt.
Natürlich kann niemand versprechen, dass jeder die Prüfung beim ersten Versuch besteht. Aber wer sich genügend Zeit nimmt, kontinuierlich lernt und seinen Wissensstand immer wieder überprüft, schafft sehr gute Voraussetzungen dafür.
Deshalb sage ich Interessenten immer: Wenn Sie wirklich Heilpraktiker werden möchten, lassen Sie sich nicht von der Prüfung abschrecken. Gehen Sie Schritt für Schritt – dann wächst mit Ihrem Wissen auch Ihre Sicherheit.
Was würden Sie Menschen sagen, die eigentlich gerne Heilpraktiker werden möchten, sich aber wegen der Prüfung oder der hohen Durchfallquoten nicht an die Ausbildung herantrauen?
Verwirklichen Sie Ihren Herzenswunsch und beginnen Sie die Ausbildung. Lernen Sie während Ihrer Ausbildung von Ihrer Einstellung her „nicht für die Prüfung“, sondern „für Ihre Praxistätigkeit“. Schieben Sie während Ihrer Lernzeit den Gedanken an die Prüfung beiseite, sehen Sie dafür vor Ihrem geistigen Auge Ihre spätere Praxis vor sich. Sie werden sehen, dann fällt Ihnen das Lernen leicht und der Prüfungsdruck weicht von Ihnen. Wenn Sie von Anfang an immer nur an die Prüfung denken, baut sich immer mehr Druck auf und die Freude am Lernen schwindet.
Richten Sie sich dagegen innerlich auf Ihre spätere Praxistätigkeit aus, nimmt Ihr Wissen zu und so wächst auch Ihr Vertrauen in die eigene Person.
Und natürlich stehen Sie auf diesem Weg nicht allein da. Eine gute Heilpraktiker-Ausbildung führt Sie Schritt für Schritt durch den umfangreichen Lernstoff und gibt Ihnen immer wieder die Möglichkeit zu überprüfen, wo Sie gerade stehen. Mit Lernfragen, Workshops, Prüfungssimulationen und einem gezielten schriftlichen und mündlichen Prüfungstraining können Sie Ihren Wissensstand realistisch einschätzen und vorhandene Lücken rechtzeitig aufarbeiten. So gehen Sie erst dann zur Prüfung, wenn Sie wirklich gut vorbereitet sind.
Die teilweise hohen Durchfallquoten können Sie aber auch positiv sehen: Wenn man es nämlich genau überdenkt, dann sieht man, dass die hohen Durchfallquoten ein wertvoller Schutz vor schlecht ausgebildeten Heilpraktikern sind. Eine große Versicherung sagte einmal dazu:
Von den bundesweit ca. 47.000 praktizierenden Heilpraktikern ist mehr als die Hälfte bei der Continentalen versichert. Trotz der beachtlichen Zahl von 24.500 versicherten Heilpraktikern ist die Gefahrenlage so gering, dass die Heilpraktiker noch nicht einmal als eigener Punkt in der Schadensstatistik aufgeführt werden. Und ein weiterer wichtiger Hinweis, dass es kaum Schäden durch Heilpraktiker gibt, ist auch die Tatsache, dass die Beiträge der Heilpraktiker zur Berufshaftpflichtversicherung in den letzten 35 Jahren nahezu halbiert wurden.
Vielen Dank für dieses Interview, Frau Richter.
Die wichtigsten Aussagen aus dem Interview mit Isolde Richter
- Die Heilpraktikerprüfung ist anspruchsvoll, aber mit fundiertem medizinischem Wissen und gezielter Vorbereitung gut zu bewältigen. Entscheidend ist laut Isolde Richter vor allem, medizinische Zusammenhänge zu verstehen und Wissen sicher anwenden zu können.
- Hohe Durchfallquoten sagen nur begrenzt etwas über die individuellen Erfolgschancen gut vorbereiteter Prüflinge aus. Unterschiede können unter anderem durch die Vorbereitung der Teilnehmer, unterschiedliche Teilnehmerzahlen und Schwankungen im Schwierigkeitsgrad einzelner Prüfungen entstehen.
- Prüfungsreife lässt sich gezielt überprüfen: Mehrere sicher bestandene schriftliche Prüfungssimulationen sowie ein strukturiertes Vorgehen bei mündlichen Fallbeispielen sind wichtige Anhaltspunkte. Die Schule empfiehlt, bei Simulationen etwa 80 Prozent anzustreben, um ein Sicherheitspolster zu haben.
- Weder fehlende medizinische Vorkenntnisse noch ein höheres Einstiegsalter schließen den Prüfungserfolg aus. Kontinuierliches Lernen, Motivation, eine realistische Einschätzung eigener Wissenslücken und eine solide Ausbildung sind nach Richters Erfahrung entscheidender.
